Heidi Weinhäupl - Citizen-Science.at

Citizen Science

Citizen Science wird weltweit unterschiedlich definiert. Einen Überblick der Konzepte und Ideen finden Sie unter "Was ist Citizen Science?"

 

Citizen Science Austria auf Facebooksocial media 06

Heidi Weinhäupl

Drei Pilotprojekte erkunden Möglichkeiten der Beteiligung von BürgerInnen an Forschungsprojekten der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie. Die Ergebnisse der Vorstudien aus der Meteorologie, Paläontologie sowie Geographie werden Ende 2019 im Rahmen einer Infoveranstaltung präsentiert.

„Mit unserer Fakultätsinitiative ,Exploring Citizen Science‘ wollen wir die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen von Citizen Science in den verschiedenen Forschungsfeldern ausloten“, erklärt Dekanin Petra Heinz, „und zudem die Vernetzung interessierter WissenschafterInnen fördern“. Bis Februar 2019 konnten Forschende dafür Projektskizzen einreichen. „Da gab es durchwegs gute Ideen, die Auswahl ist uns nicht leicht gefallen“, so Heinz. Drei der eingereichten Pilotstudien wird die Fakultät nun mit jeweils 5.000 Euro unterstützen: Ein Projekt zur Entwicklung von Forschungsprotokollen im Biodiversitätsbereich von Paolo Albano und Martin Zuschin (Paläontologie), „Hydrometeors View“ von Manfred Dorninger und Thomas Aistleitner (Meteorologie und Geophysik) sowie die Studie „Revealing Donau City’s landcape through photo-elicitation“ von Sandra Guinand und Yvonne Franz (Geographie und Regionalforschung).

„Brauchen großes Sample in der Biodiversitätsforschung“

Paolo Albano und Martin Zuschin möchten im Rahmen ihrer Pilotstudie ein gemeinsames Forschungsprotokoll entwickeln, um BürgerInnen verstärkt in das Sortieren von Proben einbinden zu können. Konkret untersuchen sie das Verschwinden einheimischer Mollusken – Weichtiere – im südöstlichen Mittelmeer. Durch invasive Arten, die über den Suezkanal eindringen, und den Klimawandel seien viele Arten unter Druck. „Gerade in der Biodiversitätsforschung brauchen wir aber oft eine große Menge an Proben, um die Muster und zugrundeliegenden Prozesse erfassen zu können“, erklärt Paolo Albano. Gleichzeitig fehlt es an professionellen TaxonomInnen: „Taxonomie wird immer weniger unterrichtet – zudem braucht es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, um sich das Wissen aufzubauen, um Arten zuverlässig bestimmen zu können“, so der Paläontologe. Es gebe nur wenige Fachleute, „obwohl wir gerade angesichts des derzeitigen großen Artenschwundes diese Phänomene genau verfolgen müssten und die Vielfalt beschreiben, bevor sie unwiederbringlich verloren geht“, sagt Albano.

Eine Lösung sei es, Citizen Scientist in Projekte mit einzubeziehen: „Diese beweisen oft großes Interesse, haben ein gutes taxonomisches Wissen und engagieren sich stark, um große Mengen an Arten zu sammeln, untersuchen und zu bestimmen“, erklärt Albano. Gleichzeitig würden sie aber gezielt seltene Arten und gut erhaltene Proben sammeln, statt wie die WissenschafterInnen streng zufallsbasiert vorzugehen. Im Rahmen der nun von der Fakultät geförderten Vorstudie entwickeln daher die Wissenschafter gemeinsam mit Citizen Scientists ausführliche Forschungsprotokolle, in denen jeder Schritt genau beschrieben wird. Auf dieser Basis könne eine breitere Studie angedacht werden, so Zuschin und Albano.

Wolken-Fotos von Citizen Scientists

Manfred Dorninger und Thomas Aistleitner vom Institut für Meteorologie und Geophysik führen eine Pilotstudie im Bereich der Wolkenbeobachtung durch: Sie untersuchen Hydrometeore, also flüssige oder feste Partikel in der Atmosphäre wie Wolken, Nebel, Regen, Schnee oder Hagel. „Früher haben gut ausgebildete Wetterbeobachter die Wolkentypen, die Größe, Wolkenhöhe oder den Niederschlagstyp erfasst – und stellten diese Informationen im sogenannten SYNOP-Report weltweit zur Verfügung“, erklärt Manfred Dorninger. Dadurch erhielten die Prognostiker wichtige Grunddaten und Informationen, wo derzeit mit Schnee, Regen oder Hagel zu rechnen sei. Doch die Wetterbeobachtung wird vielerorts eingespart: „Heute gibt es jedoch nur noch wenige Wetterbeobachter“, so der Meteorologe Dorninger. Zwar hätte man heute auch Daten von Satelliten und Bodeninstrumenten, doch es fehlen Parameter, die nur durch die Augenbeobachtung gewonnen werden können.

„Wir wollen in unserem Projekt ausprobieren, inwieweit Smartphone-Fotos von Wolken und Niederschlag, die von Citizen Scientists gemacht werden, integriert werden können und wie diese automatisiert oder teilautomatisiert ausgewertet werden können“, erklärt Thomas Aistleitner. Gemeinsam mit Studierenden - vornehmlich aber nicht notwendigerweise ausschließlich aus dem Bereich der Meteorologie - soll im Rahmen des Pilotprojekts eine Maske für die Dateneingabe erarbeitet und eine Datenbasis erstellt werden.

Foto-Walks und fotografische Interviews

Im Projekt der Stadtgeographinnen Sandra Guinand und Yvonne Franz geht es hingegen um die Produktion von Raum: „Am Beispiel der Donau-City in Kaisermühlen soll untersucht werden, wie Raum hergestellt und reproduziert wird“, erklärt Sandra Guinand. Dabei seien einerseits Governance- und Verhandlungsprozesse wesentlich, aber auf der anderen Seite auch die Rezeption des Raumes: „Und besonders die Rezeption möchten wir in unserem Projekt mit Hilfe von Citizen Scientists erforschen“, so die die Stadtgeographin und Stadtplanerin Guinand.

Mithilfe von Fotowanderungen und fotografischen Interviews sollen die BewohnerInnen und NutzerInnen der Donau City erforschen, welche Emotionen, Erfahrungen und Erinnerungen mit diesen Räumen verknüpft werden. „Fotos eignen sich dabei besonders gut – als Anker und Anknüpfungspunkte, aber auch, um Emotionen bildlich reflektieren zu können und somit Bedeutungen zu offenbaren“, sagt Yvonne Franz vom Institut für Geographie und Regionalforschung.

 

Initiative "Exploring Citizen Science"

Die Ergebnisse und Erfahrungen der drei Pilotstudien werden im Rahmen eines Fakultäts-Events „First Steps“ voraussichtlich Ende 2019 präsentiert. In den Jahren 2018-19 realisiert die Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie – the „Faculty for Exploration“ – im Einklang mit dem Entwicklungsplan „Universität Wien 2025“ erstmals ihre Initiative „Exploring Citizen Science“. Im Rahmen der Initiative wurde im Dezember 2018 ein erfolgreicher Coaching-Workshop realisiert (Nachbericht); weiters werden drei Pilotstudien mit jeweils max. 5.000 Euro gefördert, deren Ergebnisse Ende des Jahres im Rahmen eines Info-Events präsentiert werden. Zur Initiative "Exploring Citizen Science"
 

Im Rahmen eines Workshops diskutierten ForscherInnen der Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie mit Experten vom Citizen Science Network Austria und der IIASA die Vorteile und Grenzen der Integration von BürgerInnen in Forschungsprojekten. Durchgeführt wurde der Workshop in Kooperation mit der DLE Forschungsservice und Nachwuchsförderung der Universität Wien.

Die Beteiligung von interessierten BürgerInnen am Forschungsprozess eröffnet neue Wege des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft „Daneben ist Citizen Science aber auch als Methode interessant, die bei manchen Fragestellungen – wenn auch nicht bei allen – für die Geowissenschaften, die Geographie und Astronomie Möglichkeiten bietet“, erklärte Dekanin Petra Heinz bei der Eröffnung des Workshops „Exploring Citizen Science“, der am 5. Dezember 2018 an der Fakultät stattfand. Der Workshop ist Teil einer neuen Förderinitiative der Fakultät im Bereich Citizen Science, im Rahmen derer auch drei Vorstudien gefördert werden.

Möglichkeiten und Grenzen

Projektideen für Citizen Science in ihren jeweiligen Forschungsfeldern diskutierten dabei elf WissenschafterInnen der Fakultät mit drei Experten: Daniel Dörler und Florian Heigl vom Citizen Science Network Austria, das an der Universität für Bodenkultur Wien koordiniert wird und in dem die Universität Wien Mitglied ist, sowie Ian McCallum vom Center for Earth Observation and Citizen Science am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA).

Prinzipiell sei Citizen Science als Methode in allen Wissenschaftsbereichen anwendbar, erklärte Daniel Dörler vom Citizen Science Network Austria. „Die Citizens sollten dabei allerdings nicht die Forschungsobjekte sein – also nicht beforscht werden, sondern selber forschen.“ Über die Fördermöglichkeiten von Citizen Science-Projekten informierte Tobias Reckling vom Forschungsservice der Universität Wien.

Diskutiert wurden neben konkreten Projektideen auch die Möglichkeiten, Menschen zu motivieren, an Citizen Science-Projekten teilzunehmen. Dafür sei es zentral zu wissen, wo man seine Zielgruppe findet. Teilweise seien diese bereits in Vereinen oder Vereinigungen organisiert; teilweise seien Medienpartnerschaften eine gute Idee. Auch während des Projektes gelte es, mit den Citizen-Scientists zu kommunizieren: „Um ein Citizen Science Projekt durchzuführen, baut man eine Community auf – und muss auch mit ihr kommunizieren“, betonte Florian Heigl vom Citizen Science Network Austria die Bedeutung von Community Management.

Die „heavy user“ pflegen und schulen

Vor allem die sehr engagierten Citizen Scientists sollten gezielt motiviert und betreut werden, so Daniel Dörler vom Citizen Science Network Austria, „häufig gilt nämlich die 1:99 Regel: Diese deutet an, dass 99 von 100 TeilnehmerInnen nur hin und wieder Daten melden und ein/e TeilnehmerIn sehr engagiert meldet.“ Diese „heavy user“ gelte es dann auch zu pflegen – und zu schulen, um die Qualität der Daten zu erhöhen, sagte Dörler.

Wichtig sei es auch, Anreize für die Mitarbeit zu setzen – beispielsweise würden häufig die aktivsten Citizen Scientist bei Publikationen als MitautorInnen genannt werden, erklärte Ian MacCallum von der IIASA; aber auch die Vernetzung mit anderen Steinesammlern oder Astronomiebegeisterten sei manchmal schon Anreiz genug.