Österreich forscht bei der Freiwilligenkonferenz 2025
Unter dem Motto „Digital first, Mensch second?" wurden Freiwilligenorganisationen und -koordinator*innen zur vierten Freiwilligenkonferenz Österreichs geladen. Und wenn es um freiwilliges Engagement geht, darf Citizen Science natürlich nicht fehlen. Österreich forscht freute sich auf den Austausch mit Gemeinden, Vereinen, Initiativen und Organisationen im Freiwilligenbereich aus ganz Österreich (und darüber hinaus).
Künstliche Intelligenz und freiwilliges Engagement
Bei der Freiwilligenkonferenz 2025 Anfang Dezember stand die Bedeutung der künstlichen Intelligenz (KI) für das Freiwilligenengagement im Zentrum. Die Arbeitsgemeinschaft Freiwilligenzentren stellte dabei die Konferenz unter vier Leitgedanken:
- Die KI verändert unser Engagement und wird Teil unserer Arbeit.
- Die Verwendung von KI wirft Fragen auf, die wir als Zivilgesellschaft beantworten müssen.
- Die KI eröffnet Chancen für Inklusion, Teilhabe und Vielfalt, indem Barrieren abgebaut werden.
- Die Zukunft des Freiwilligenengagements soll aktiv gestaltet werden.
Freiwilliges Engagement hält unsere Gesellschaft zusammen
In seiner Begrüßungsrede leitete der stellvertretende Leiter für Freiwilligenangelegenheiten des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz den Tag ein: „Freiwilliges Engagement ist der Kit, der unsere Gesellschaft zusammenhält". Freiwilliges Engagement stärkt die gesellschaftliche Resilienz, federt ab, wo Systeme an ihre Grenzen kommen, und stiftet Sinn.
In zwei Impulsvorträgen wurden Freiwilligenarbeit und KI aus zwei Perspektiven betrachtet: Der Kulturanthropologie und dem Organisationsmanagement.
Was moderne Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften mit Freiwilligenarbeit zu tun haben
Im ersten Impulsvortrag „KI und indigene Weisheit: Eine Allianz für die Zukunft" gab Bettina Ludwig Einblicke in die Lebensweise einer modernen Jäger-Sammler-Gemeinschaft in der Kalahari und übertrug ihre Erkenntnisse auf unsere europäische Welt. Im Zentrum des Vortrags stand die Frage: Wie organisieren sich die Menschen in dieser modernen Jäger-Sammler-Gemeinschaft? Die wesentlichsten Unterschiede zu vielen europäischen Gesellschaften sind, dass Menschen von Geburt an Mitglied einer Community sind (im Vergleich zur „westlichen Welt", in der oft das Gefühl von Zugehörigkeit fehlt). Auch das Verständnis von Zeit ist ein anderes: Zeit ist keine Linie, sondern ein Kreislauf. Zeitkreisläufe sind dabei verwoben und die ferne Vergangenheit und Zukunft haben keine Relevanz (diese können nicht einmal sprachlich ausgedrückt werden). Die Menschen leben im Hier und Jetzt. Ein weiterer Unterschied ist, dass es keine Hierarchie und damit auch keine Anführer*innen gibt: Alle (reden und) entscheiden immer mit. Ein anderer Unterschied ist, dass es das Konzept von Besitz nicht gibt: Niemandem gehört irgendwas bzw. allen gehört alles. „Wenn jemand nach etwas fragt, dann teile ich es. … Wenn ich etwas habe, muss ich geben", beschrieb Bettina Ludwig ihre Erfahrungen vom Leben in dieser Gemeinschaft. Die Vortragende gab außerdem zu bedenken: „Was wir [in Europa] hier machen [unser Lebensstil], ist nicht ‚normal', sondern nur eine Art sich zu organisieren". In unserem Lebensstil kommt die eigene Kreativität oft viel zu kurz: Wir sollten uns Freiräume schaffen und Phasen der Ruhe einrichten. Denn nur so können wir wirklich kreativ sein.
Im Gespräch über künstliche Intelligenz und Freiwilligenarbeit erinnerte Bettina Ludwig an einen grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Maschine: „Wo Maschinen Muster sehen, erkennen Menschen Bedeutung". Doch was bedeutet das in einer Zeit, in der bereits ein Drittel der Jugendlichen, die KI nutzen, den Austausch mit KI als befriedigender empfindet als den Kontakt mit realen Menschen? Die Frage nach Menschlichkeit stellt sich daher drängender denn je.
Für Bettina Ludwig ist Menschlichkeit untrennbar mit Gemeinschaft verbunden: mit dem Gefühl, Teil einer Welt zu sein, zu der man etwas beitragen kann. Indem man einen Beitrag leistet, fühlt man sich zugehörig. Heutzutage ist es allerdings gar nicht so einfach, einen Beitrag zu leisten (in verschiedenen Sektoren). Unsere Gesellschaft, so Ludwig, sei zunehmend vom Nehmen geprägt, obwohl wir Menschen eigentlich zum Geben geschaffen sind.
Die Folge: Die knappste Ressource unserer europäischen Welt ist nicht Zeit oder Geld, sondern das Gefühl der Zugehörigkeit. Dementsprechend ist Ludwigs Schlussfolgerung: „Verbundenheit entsteht durch Teilhabe – oder besser: durch Teilgabe". Ein Wink mit dem Zaunpfahl: dass echte Gemeinschaft dort entsteht, wo Menschen einander Raum zum Mitwirken und Mitgestalten geben.
Wie KI die Freiwilligenarbeit unterstützen kann
Im zweiten Impulsvortrag „KI in der Freiwilligengewinnung: Storytelling als Schlüssel zur Zielgruppe" zeigte Jana Piske, wie künstliche Intelligenz das Freiwilligenmanagement und die Freiwilligenkoordination gezielt unterstützen kann (insbesondere dort, wo personelle oder zeitliche Ressourcen knapp sind).
KI lässt sich beispielsweise einsetzen, um in die Perspektive bestimmter Zielgruppen zu schlüpfen, fehlendes Wissen in die Organisation zu holen oder rund um die Uhr verfügbar zu sein. Sie kann Inspiration liefern, neue Ideen generieren und so kreative Prozesse anstoßen.
Besonders spannend für das Freiwilligenmanagement sind die Möglichkeiten im Onboarding und der Begleitung neuer Engagierter. KI-gestützte Tools können dabei helfen, Interessierte zu gewinnen, die Kommunikation mit aktiven Freiwilligen zu verbessern oder Schulungen auf einzelne Personen zuzuschneiden. Zudem erleichtert KI die Erstellung von Berichten und Analysen, indem sie Muster schneller erkennt und so Zeit für das Wesentliche schafft: den direkten Kontakt mit den Menschen.
KI in den Phasen der Freiwilligenarbeit
Jana Piske bewies in ihrem Vortrag, wie künstliche Intelligenz die vier Phasen des Freiwilligenmanagements (Interesse, Einstieg, Entwicklung und Beendigung) sinnvoll unterstützen kann:
1. Interessenphase: Aufmerksamkeit gewinnen und Vertrauen schaffen
In der ersten Phase geht es darum, das Interesse potenzieller Engagierter zu wecken, die Mitmachmöglichkeiten verständlich zu erklären und Vertrauen aufzubauen. Menschen möchten wissen: Was macht die Organisation eigentlich? und Warum sollte ich mich hier engagieren? KI kann dabei helfen, Motivationen verschiedener Zielgruppen zu identifizieren und Inhalte zielgruppengerecht und formatspezifisch aufzubereiten. Dafür sind Personas hilfreich: KI kann Steckbriefe typischer Freiwilliger generieren und so dabei unterstützen, Inhalte persönlicher und relevanter zu formulieren.
2. Einstiegsphase: Orientierung geben und den Start erleichtern
Sobald sich eine Person für die Freiwilligenarbeit begeistern konnte, beginnt die Onboarding-Phase: Wie funktioniert die Organisation? Wie komme ich ins Tun? Hier kann ein KI-Chatbot häufige Fragen zur Organisation beantworten und rund um die Uhr Orientierung geben. Mit KI lassen sich außerdem Rollenspiele und Trainingssituationen simulieren, die neuen Engagierten Sicherheit vermitteln. Auch organisatorische Materialien wie Checklisten können mithilfe von KI nicht nur schneller erstellt, sondern auch ansprechender, klarer oder humorvoller gestaltet werden.
3. Entwicklungsphase: Begleiten, stärken, weiterentwickeln
In dieser Phase geht es um Anerkennung, Motivation und die Weiterentwicklung der Freiwilligen. KI kann hier unterstützen, indem sie als eine Art Coach agiert: zum Beispiel, um schwierige Gespräche vorzubereiten oder die Beweggründe einer anderen Person besser zu verstehen.
4. Beendigungsphase: Gut verabschieden und verbunden bleiben
Auch das Ende des Freiwilligenengagements ist ein wichtiger Moment. Wertschätzung und eine gute Verabschiedung stärken die Beziehung und ermöglichen es, den Kontakt zu halten. KI kann dabei helfen, Ideen zu entwickeln: von kreativen Dankesgesten bis zu persönlichen Botschaften. So bleibt die freiwillige Tätigkeit in guter Erinnerung und die Tür für eine spätere Rückkehr bleibt offen.
Kritischer Blick auf KI im Freiwilligenmanagement
Trotz aller Chancen sollten wir trotzdem kritisch beim Einsatz von KI im Freiwilligenmanagement bleiben, gab Jana Piske zu bedenken. KI kann dazu verlocken, sich hinter automatisierten Prozessen zu verstecken. Dabei sollte sie vor allem dabei helfen, besser erreichbar zu sein. Außerdem sollten keine sensiblen Daten in KI-Systeme eingegeben werden und Freiwilligenorganisationen sollten stets offen und transparent kommunizieren, wo und wie sie KI einsetzen. Täuschung gilt es dabei jedenfalls zu vermeiden: KI darf nicht den Eindruck erwecken, ein menschliches Gegenüber zu sein. Auch der achtsame Umgang mit Sprache ist zentral, denn KI reproduziert häufig bestehende Stereotype. Vor allem aber muss der Mensch im Mittelpunkt stehen: Beziehungspflege und das Gefühl von Zugehörigkeit entstehen ausschließlich in zwischenmenschlichen Begegnungen. KI kann allerdings Informationen schneller zugänglich machen, Orientierung bieten oder Qualitäts- und Datenanalysen unterstützen. Doch die meiste Zeit sollte weiterhin der Beziehungsarbeit gewidmet werden.
Was den kritischen Blick auf KI betrifft, so darf der ökologische Fußabdruck von KI nicht unter den Tisch gekehrt werden. In der auf den Impulsvortrag folgenden Diskussion stellte sich für manche Freiwilligenorganisationen (insbesondere diejenigen im Natur- und Umweltschutz) die Frage, wie sich der Einsatz energieintensiver KI-Technologien mit den eigenen Werten und Klimazielen vereinbaren lässt. KI kann zwar Prozesse erleichtern, doch sie (ver-)braucht enorme Mengen an Rohstoffen, Rechenleistung, Energie und Wasser. Organisationen müssen daher sorgfältig abwägen, wo KI echten Mehrwert bietet und wo ein bewusster Verzicht nachhaltiger wäre.
Der digitale Freiwilligenpass
Tooltopia: „Habt ihr schon einmal von Citizen Science gehört?"
Am Nachmittag war es dann endlich so weit: Der Österreich forscht-Stand wurde gemeinsam mit anderen Ständen „eröffnet". Im Rahmen der Tooltopia-Session konnten sich die Konferenzbesucher*innen auf unterschiedlichen Ständen zu digitalen Mitmachmöglichkeiten im Freiwilligenbereich informieren. Am Österreich forscht-Stand fand sich eine kunterbunte Mischung ein: Menschen, die schon begeistert bei Citizen-Science-Projekten mitgemacht haben, solche, die zumindest mal davon gehört haben und neugierig nachhaken wollten und jene, für die Citizen Science im wahrsten Sinne ein Fremdwort war. Die Fragen reichten von Wer steht hinter Österreich forscht? über Ist das nur etwas für Wissenschafter*innen? bis hin zu Müssen die Teilnehmenden Vorwissen haben? Kann man bei euch Auftragsforschung beauftragen? Wenn ihr die Antworten darauf noch nicht kennt, findet ihr sie auf der Website von Österreich forscht.
Drüberschau
Zum Abschluss trafen sich noch einmal alle, um den spannenden Tag Revue passieren zu lassen: Von den beiden Keynotes über den digitalen Freiwilligenpass bis hin zu den drei Workshops, die parallel zur Tooltopia liefen. Eine grundlegende Frage des Tages war: Wie bewahre ich Menschlichkeit in einer Zeit, die keine Pause mehr kennt? Die Antwort: Durch Zugehörigkeit und Verbundenheit. Und freiwilliges Engagement kann beides bieten.
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