Citizen Science zwischen Unabhängigkeit und Institutionalisierung – ein paar Gedanken zur Analyse der verschiedenen Grenzen von Citizen Science
STS , Science and Technology Studies, ist ein interdisziplinäres Feld der Sozialwissenschaften, welches sich insbesondere mit Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Technik und anderen Gesellschaftsstrukturen befasst. Aus dieser Perspektive reflektiert ein rezenter Artikel in der Zeitschrift Science, Technology, & Human Values die Entwicklungen im Feld der Citizen Science in den letzten Jahren. Leitautorin ist Claudia Göbel, die maßgeblich am Aufbau von ECSA, dem Europäischen Verein für Bürgerwissenschaften, an der COST Action zu Citizen Science sowie dem Open Access Buch „the Science of Citizen Science" beteiligt war. Und da ihre Überlegungen auch meine Arbeit betreffen, sei es über das Engagement des Naturhistorischen Museums Wien oder Kooperationen mit Österreich forscht, habe ich diesen Artikel mit Interesse gelesen.
Als analytisches Instrument zur soziologischen Analyse von Citizen Science wurde das Konzept des „boundary management" angewendet bzw. entwickelt. Es ist eine Weiterführung von „Grenzkonzepten". Grenzobjekte, Boundary Objects, Grenzorganisationen, Boundary Organisations, oder Grenzarbeit, Boundary Work, fungieren an der Grenze unterschiedlicher Wertesysteme, Machtkonstellationen und Zugängen. Für mich ist beispielsweise die „Venus von Willendorf" ein Grenzobjekt par excellence, weil man sich dieser besonderen Figur naturwissenschaftlich über die Bestimmung der Fossilien im Eierstein, kulturwissenschaftlich über Vergleiche mit anderen Figurinen oder feministisch mit Bezügen zur Großmutterhypothese nähern kann.
Boundary Organisations agieren an der Grenze zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren, seien es Forschungseinrichtungen, NGOs oder Wirtschaftsvertretungen. Es lassen sich auch kurzfristigere institutionell aktive Gebilde als Grenzorganisationen fassen. In dieser Publikation wurde eine deutsche Arbeitsgruppe unter der Leitung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung analysiert, die über eine Reihe von Workshops und gezielte Konsultationen die Citizen Science Strategie 2030 für Deutschland erarbeitet hat. Kritisch angemerkt wird in dem Paper von Claudia Göbel, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht wirklich sichtbar werden, sondern vor allem die wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren und ihre Einrichtungen. Diese bestimmen, was als Citizen Science gilt und was nicht. Entsprechend schließt dabei formulierte Anspruch auf wissenschaftliche Qualität, also die Anwendung fachspezifischer Standards, diejenigen aus, die die Anwendung einschlägiger wissenschaftlicher Vorgangsweisen aus verschiedenen Gründen ablehnen und vielleicht sogar unabhängig und fern institutionalisierter Wissenschaft sein wollen, und sich trotzdem als Forschende begreifen.
Als weitere Grenze wird Boundary Work genannt, gewissermaßen die aktive Grenzziehung beispielsweise zwischen Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft.
Auch Plattformen wie Österreich forscht diskutiert solche Grenzen – was gehört dazu, ist als Citizen Science zu werten, und was nicht?
Grundsätzlich ist dieses Spannungsfeld zwischen der breiten Einbindung verschiedenster Menschen mit ihren Fragen, Ideen und Erkenntnissen und der Bewahrung wissenschaftlicher Standards nicht neu; neu an dem Ansatz in dieser Publikation ist der analytische Zugang über das Boundary Management, die Reflektion, wie die verschiedenen Grenzen in der Praxis ausgehandelt werden, und was das im Feld von Citizen Science für das Verhältnis zwischen Wissenschaft und anderen Teilen der Gesellschaft bedeutet.
Mit der Institutionalisierung von Citizen Science, die weit über die Plattformen wie Österreich forscht und EU Politiken hinausreicht und sogar europäische Infrastrukturen für excellente Citizen Science umfasst, kann Citizen Science wirksamer in der Forschung werden, wobei gleichzeitig bestimmte Aktivitäten jenseits entsprechender Grenzen liegen. „New openings and new closings are created in the relation between science and society." In anderen Worten: Die Art des Einflusses von Citizen Science auf das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft bleibt spannend und erfordert immer wieder einen selbstkritischen Blick auf gewollte und eventuell auch ungewollte Öffnungen oder das Ziehen von Grenzen.
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