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Was ist Citizen Science?

Citizen Science bezeichnet eine Arbeitsmethode der Wissenschaft, mit der Projekte unter Mithilfe oder komplett von interessierten Amateurinnen und Amateuren [lat. amator “Liebhaber”] durchgeführt werden.

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Was ist Citizen Science

Als Citizen Science wird eine Arbeitsmethode bezeichnet, bei der wissenschaftliche Projekte partizipativ mit interessierten AmateurInnen durchgeführt werden.

Als Citizen Science wird eine Arbeitsmethode bezeichnet, bei der wissenschaftliche Projekte partizipativ mit interessierten AmateurInnen durchgeführt werden. Die beteiligten Citizen Scientists melden dabei Beobachtungen, führen Messungen durch oder werten Daten unter Anleitung der WissenschafterInnen aus. Diese Form der Wissenschaft ist vor allem im angelsächsischen Raum sehr modern und wird nun auch in Europa vermehrt durchgeführt. Auch in Österreich ist diese Strömung bereits angekommen und es werden mehrere Citizen Science Projekte in verschiedensten Wissensgebieten durchgeführt.

Prinzip

Nach Muki Haklay (2013)

Hier werden meist mehrere Ebenen der Beteiligung an professioneller Wissenschaft durch sogenannte AmateurInnen unterschieden. Die einfachste Beteiligung ist auf Ebene 1 "Crowdsourcing" zu finden, hier tragen BürgerInnen Sensoren, welche Daten an professionelle WissenschafterInnen senden oder sie stellen überhaupt einfach nur die Rechenleistung ihres Computers oder Smartphones zur Verfügung. Kognitive Leistung müssen die TeilnehmerInnen in solchen Projekten keine erbringen. Ein Beispiel hierfür ist seti@home.

Auf Ebene 2 "Verteilte Intelligenz" werden TeilnehmerInnen schon mehr gefordert. Hier werden TeilnehmerInnen vor allem vor simple Aufgaben gestellt, die Computer noch nicht ausführen können und deshalb sehr viel Zeit beanspruchen würden, wenn sie ein Wissenschafter alleine durchführen müsste, wie zum Beispiel Fotos von Fotofallen auswerten. Projekte, die in diese Kategorie fallen sind sind z.B. " die Projekte auf Zooniverse.

Ebene 3 "Partizipative Wissenschaft" meint die Einbindung der Bevölkerung schon bei der Entwicklung der Frage- oder Problemstellung und/oder der Datensammlung. AmateurInnen nehmen Umweltveränderung in ihrer Umgebung sehr schnell wahr und können diese Daten durch Citizen Science Projekte an WissenschaftlerInnen weitergeben, wo sie entsprechend aufbereitet und veröffentlicht werden, oder nach der Analyse und Interpretation an zuständige Behörden weitergegeben werden. So kann eine Zusammenarbeit in einem Citizen Science Projekt zu einer raschen Lösung eines Problems oder zur effizienten Erkennung einer Veränderung in der Öffentlichkeit beitragen. Beispiele wären Tier- oder Pflanzenarten zu bestimmen (Projekt Roadkill, naturbeobachtung.at), Wissen in Form eines Online-Lexikas zu sammeln (Wikipedia) oder Genealogie zu betreiben (des.genealogy).

Ebene 4 wird als "Extreme Citizen Science" bezeichnet, da hier AmateuerInnen in alle Schritte von der Problemstellung, über die Datensammlung bis zur Analyse eingebunden werden. Beispiele gibt es wenige, doch findet man sie vor allem in der Astronomie oder der Vogelkunde, da diese Bereiche eine lange Tradition der Bürgerforschung besitzen.

Nach dem White Paper on Citizen Science in Europe

Das White Paper, das aus dem Projekt "Socientize" hervorgegangen ist, unterscheidet, im Gegensatz zur oben erwähnten Klassifizierung, mehrere gleichberechtigte Formen der Beteiligung von Laien in wissenschaftlichen Projekten. Im Bereich Collective Intelligence geht es vor allem um Mustererkennung. Die oben erwähnten Projekte von Zooniverse fallen unter diese Kategorie.

Beim Pooling of Resources geht es vor allem darum, dass interessierte Personen Ressourchen wie z.B. ungenutzte Rechenleistung ihrer Smartphones oder Computer zur Verfügung stellen. Diese wird dann genutzt um komplizierte Rechenvorgänge verteilt auf tausende Geräte in kurzer Zeit durchführen zu können. Hier wäre wieder das bereits oben erwähnte Projekt seti@home zu nennen.

In Data Collection - Projekten sammeln Laien Daten und stellen diese in unterschiedlicher Form den ProjektleiterInnen zur Verfügung. Gute Beispiele aus Österreich für Projekte aus dieser Kategorie wären z.B. das Projekt StadtWildTiere oder auch Die Igel sind los! Dies ist zur Zeit eine der am weitesten verbreiteten Methoden der Beteiligung.

Bei der Analysis Task sind Laien vor allem auch in der Analyse, also der Auswertung der Daten, in unterschiedlicher Intensität beteiligt. Das Projekt C.S.I. Pollen wäre hier zu nennen, bei dem beteiligte Imker die von ihnen gesammelten Pollenpakete farblich vorsortieren und damit einer ersten Analyse unterziehen.

Im Bereich Serious Games gab es in den letzten Jahren eine große Entwicklung. Bei diesem Konzept, das auch unter dem Begriff Gamification bekannt ist, tragen die TeilnehmerInnen durch aktives Spielen, das meist aus dem Lösen kniffliger Probleme oder dem Erkennen von Mustern besteht, zu den wissenschaftlichen Projekten bei. Einerseits können durch die Analyse der Lösungswege bessere Algorithmen entwickelt werden, andererseits können auf diese Weise auch direkt Daten erhoben werden. Auch in Österreich gibt es Projekte, die diesen Ansatz verfolgen. Ein Beispiel hierfür wäre das Projekt Picture Pile.

Bei den Participatory Experiments sind die TeilnehmerInnen bereits in der Entwicklung der Fragestellung und in weiteren Projektphasen eingebunden. Oft sind diese Projekte lokal begrenzt oder richten sich an klar definierte Zielgruppen. Das Projekt Reden Sie mit wäre hierfür ein gutes Beispiel aus Österreich.

Grassroots Activities sind vor allem in der DIY- (Do It Yourself) Bewegung zu finden. Sie werden oft von Gemeinschaften oder Vereinen getragen, haben oft auch eine soziale Komponente und können auch gänzlich von Laien durchgeführt und getragen werden.

white paper cs

Geschichte

Citizen Science wird oft als Rückkehr der professionellen Wissenschaft zu ihren Wurzeln interpretiert, da Wissenschaft zu Beginn von AmateurInnen betrieben und erst später akademisiert und an den Universitäten institutionalisiert wurde. Unter dem Begriff Citizen Science “dürfen” nun AmateurInnen wieder Wissenschaft betreiben – sozusagen "back to the roots" (Silvertown 2009; Finke 2014; Bonney et al 2014). Dem ist entgegenzuhalten, dass zwar die wissenschaftliche Forschung erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch das Humboldtsche Bildungsideal in die Universitäten integriert wurde, aber Menschen ohne höheren Bildungsgrad konnten bis dahin auch nur in den äußersten Ausnahmefällen Wissenschaft betreiben, geschweige denn Ergebnisse veröffentlichen. Kein Landwirt oder Handwerker hatte Zeit und Geld um sich der Wissenschaft zu widmen. In Zusammenhang mit Citizen Science wird oft Charles Darwin als bekanntester Amateur beschrieben, der Wissenschaft betrieben hat (z.B. Silvertown, 2009). Darwin besuchte aus Interesse im Rahmen seines Medizin- und späteren Theologiestudiums auch Vorlesungen zur Botanik, Zoologie und Geologie. Als Darwin seine berühmte Reise auf der HMS Beagle antrat, wurde er als naturwissenschaftlich ausgebildeter Begleiter angestellt, obwohl er formal eigentlich Theologe war (Engels 2007). Somit kann man Darwin als Amateur mit umfangreichem biologischen Wissen bezeichnen.

Erst durch die Kombination aus Citizen Science, Web 2.0 und der Open Access Bewegung ist es nun deutlich mehr Menschen möglich, an Wissenschaft teilzunehmen, als den wenigen äußerst Privilegierten zu Darwins Zeit; sie sammeln, analysieren selbstständig und publizieren sogar (z.B. Kalheber, 2003). Citizen Science ist als Fortschritt in der Demokratisierung der Wissenschaft zu bezeichnen und nicht als Anknüpfung an die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts.

Naturwissenschaftliches Potential in der Bevölkerung

Eines der ersten und erfolgreichsten Citizen Science Projekte, der Christmas Bird Count (dt. Wintervogelzählung), wurde bereits im Jahr 1900 gestartet und an 25 Orten in den USA von 27 begeisterten Ornithologen durchgeführt. AmateurInnen traten dabei vor allem als Datensammler auf, nicht wirklich als ExpertInnen.

Das Projekt eBird der Cornell-Universität in den USA hat hingegen den nächsten Schritt getan. Auch hier dreht es sich, wie der Name bereits vermuten lässt, um Vogelbeobachtungen. Bis zu 25 Millionen Vogelmeldungen pro Jahr werden über die Homepage des Projektes gemeldet (Gura 2013). Um die Zahl von Fehlbestimmungen, die nicht nur bei AmateurInnen, sondern auch bei WissenschafterInnen vorkommen, zu minimieren, müssen die Daten gesichtet und überprüft werden. Mehr als 500 regionale Freiwillige validieren die Vogelmeldungen und erhöhen so die Datenqualität (National Audubon Society Birds and Cornell Lab of Ornithology 2015). AmateurInnen stellen damit sicher, dass die Daten auch wissenschaftlichen Anforderungen standhalten.

Auch in Österreich werden AmateurInnen in die Vogelbeobachtung eingebunden. Bei der Erstellung des neuen österreichischen Brutvogelatlas ruft Bird Life Österreich Hobbyornithologen zur Meldung von Brutvögeln bzw. zum Kartieren von Quadranten auf (BirdLife Österreich - Gesellschaft für Vogelkunde 2015). Nur auf diese Weise kann ein möglichst umfassendes Bild der Brutvögel in Österreich zu tragbaren Kosten gezeichnet werden.

Beim Projekt „Fold It“ der Universität Washington helfen AmateurInnen auf spielerische Weise WissenschafterInnen neue Proteinstrukturen zu finden, die bei der Entwicklung von Medikamenten eingesetzt werden können (Hand, 2010).

Forschungsfelder müssen attraktiv aufbereitet werden

Neben einer praxisnahen Forschung ist vor allem eine intensive Betreuung der TeilnehmerInnen ein wichtiger Teil von Citizen Science Projekten. Die TeilnehmerInnen wollen informiert werden, Rückmeldungen bekommen, mit den WissenschafterInnen interagieren und die Möglichkeit haben selbst Fragestellungen zu definieren. Dieser Austausch der Mitglieder untereinander bzw. mit den WissenschafterInnen ist essenziell, um ein Projekt erfolgreich über einen längeren Zeitraum betreiben zu können. Besonders fähige oder motivierte TeilnehmerInnen können auch auf einem höheren Level in ein Projekt integriert werden. Sie helfen bei der Datenvalidierung, bei der Datenanalyse oder entwickeln sogar eigene Projektideen.

Kompliziertere Fragestellungen brauchen geschulte TeilnehmerInnen. Es ist wichtig, dass alle TeilnehmerInnen ein bestimmtes Basiswissen zum Projekt und zur Methode haben. Hier sind Videoanleitungen, Kurse vor Ort, Onlinematerialien zum Nachlesen und Ähnliches ein einfacher und überaus effektiver Weg zur Wissensvermittlung.

Mehr Informationen finden Sie unter

Citizen Science in Österreich
Citizen Science International
Beteiligung

Gelesen 6302 mal| Letzte Änderung am Dienstag, 23 August 2016 14:55
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